PendelMarionettenFestival 2018

10 Jahre PendelMarionettenFestival

Die Zeit zwischen den Festivals ist die Zeit vor dem nächsten Festival. Intensiv wurde in den Kursen und auch zu Hause gear-beitet: es entstanden kurze Szenen für die Taschenlampenfüh-rung im Gewölbekeller oder für ein Szenenprogramm. Viele erarbeiteten sich komplexe eigene Inszenierungen für die große Bühne im Saal. Wie bei jedem Festival bisher gab es wieder ein großes Gemeinschaftsstück, in diesem Jahr war es "Der Sänger-krieg der Heidehasen" von James Krüss, das wegen der vielen Beteiligten nur ein einziges Mal aufgeführt werden konnte.




6. PendelMarionettenFestival in Hohebuch


Ein Fest der Kreativität

Es war mehr als ein Festival, es war ein Fest. Ein Fest der Kreativität, der Spielfreude, der strahlenden Augen.

Zum 6. Mal trafen sich viele glückliche Besitzer von Pendel-Marionetten – und eifrige Schüler der Puppenschöpfer – in Hohebuch bei Waldenburg und stellten einem großen Publi-kum  ihre bühnenreifen Aufführungen vor. Tatsächlich konnte ich alle Darbietungen sehen, das war ein Schau- und Freu-Marathon.

 

Eingeleitet wurde das Festival, dessen Veranstalter der neu gegründete Verein KunstForm Marionette e.V. war, von meh-reren kleinen Szenen:

Sandra Hohaus spielte eine tänzerische Spiegelszene, erstaun-lich fein und präzise für eine „Anfängerin“.

Bernd Öhring ließ einen kleinen Bären in einer Kiste mit Hilfe eines Luftballons fliegen – oh je, ein Luftballon, das konnte nur dramatisch enden.

Monika und Markus Nicolini („Traumraum“) wiesen im Ge-spräch von Hase und Katze an der Bushaltestelle schon geschickt auf das Abschluss-Stück hin: den „Sängerkrieg der Heidehasen“.

Wolfgang Gerbracht schmuggelte einen Hasen ins Kino, womit der Kleine allerdings überfordert war. Er reagierte entsetzt und schließlich mit einem Pfützchen auf Wolfgangs Schoß.



Ein Abend im Leben des Sergej Prokofiev

Und dann am Abend die große Premiere von „Prokofiew in Not“, dargeboten von Marlene Gmelin und Detlef Schmelz, den „Pendels“.

Die Not – das war die Schwierigkeit eines schöpferischen Menschen, dem gerade nichts Richtiges einfällt. Alle mögli-chen Menschen und Tiere stören ihn auch noch in der Konzen-tration, aber gerade die tauchen nachts in seinem Traum wie-der auf und bescheren ihm den ganz großen genialen Einfall. Plötzlich am nächsten Morgen kann er sie aufschreiben, die Musik zu „Peter und der Wolf“. Und dieses köstliche Märchen erlebten wir dann nach einer kurzen Pause. Meisterhaft ge-spielt mit viel Humor und entzückenden Einfällen. Besonders eindrucksvoll war Detlefs Kampf mit dem ungebärdigen Wolf, wie ein grotesker Tanz. Ja, der Wolf – so grimmig, so furchter-regend, aber am Ende würgt und würgt er – und da ist sie wieder, die lebendige Ente! Riesenapplaus mit Rufen und Pfeifen, und der war absolut verdient.


Drollig, musikalisch, kabaretistisch

Der Samstag begann sehr ruhig. Kerstin Horn ließ „Die kleine blaue Marionette“ ein großes Buch entdecken. Schon das Buch ist eine wunderbare Schöpfung. Aus jeder pflanzen- und blu-menreichen Seite krabbelt ein drolliger Käfer und versucht, den blauen Knaben zu belehren. Da gibt es seltsame weiße Kugeln, das sind Schmetterlingseier, die darf man doch nicht essen! Da kommt wirklich eine Raupe heraus und ergreift die Flucht. Erst auf der letzten Seite wird klar, dass all das die Vorbereitung für den Schmetterling ist. Und da fliegt er dann, der Schwalbenschwanz. Eine kleine Naturkunde mit wenig Text und viel Ruhe.

Marile und Rainer Browarzyk („Ruhpoldinger Fadenspiele“) führten uns in die „Akademie für angewandte Musik“. Dort spielte Prof. Dr. Äolus Brummeisel Beethovens „Für Elise“ auf dem Flügel.  Dem jungen Rufus Stups genügte das so nicht, er spielte seine Version auf dem Klavier, rockig, fetzig, frech. Großartig! Leider hat die Aufnahme gerauscht, aber das Ver-gnügen hat darunter nicht gelitten.

Hans Portmann („Wunderland“) trat ganz anders auf. Er führte Gespräche abwechselnd mit 3 verschiedenen Figuren, mit dem kleinen frechen Max, mit dem alten, ernsten Francois und mit dem kritischen Raben Robin. Lauter einzelne Geschichten wurden erzählt, manche nicht ganz jugendfrei. Das war eher ein kabarettistisches Programm, bei dem Hans sich selbst als sehr guten Darsteller und Alleinunterhalter zeigte.


Grosses Programm für kleine Leute

Am Nachmittag gab´s ein ausgesprochenes Kinderprogramm. Und es waren viele Kinder da, die das sehr genossen.

„Die Blaue Bühne Marburg“ (Anne und Gernot Kunze, Monika und Jens Steffen) spielten „Die 3 Bären und das Mädchen“, eine Geschichte, in die schon 3-jährige eintauchen können durch die einfache Struktur und die vielen Textwiederholungen. Die besonders fein gesprochen wurden von Gernot. Fein geführt auch die Bären, eine harmonische Familie mit reizenden Spiel-Ideen im Wald. Und wirklich überraschend, wie das kleine einsame Mädchen sich in das kleinste Bären-Bett legt und mit einem Griff die Bettdecke über sich zieht!

Alexander und Tatjana von Stülpnagel („Basilius und Freunde“) spielten das bekannte Kinderbuch „Pass auf mich auf“. Der hoffnungslos behütete und altkluge Juri bringt Herrn Schnip-pe bei, wie Aufpassen geht. Aber Herr Schnippel hat mehr „Kind“ in sich und besiegt mit seinen tollen, phantasiereichen und total gefährlichen Ideen die Altklugheit des Jungen. Oh ja, morgen will Juri wiederkommen!

Ein Novum für das MarionettenFestival: Lukas Schneider spielte mit Origami-Figuren. Igel, Rabe und Eichhorn werden total lebendig, und man vergisst ganz die empfindliche Mate-rie Papier. Sogar richtiges Wasser halten die Figuren aus! „Wir drei“ heißt das Stück, mit dem Lukas sein Examen als Puppen-spieler in Stuttgart bestand.

Christel Albrecht und Ursula Doll („Zauberfaden“) lassen „Die mutigen Freunde“ Frosch, Hase und Schnecke große Mutpro-ben bestehen. Großartig, wie die Schnecke einen Baum erklet-tert! Nur die Raupe Willi verweigert die Herausforderung und macht allen klar, dass auch zum „NEIN“-sagen Mut gehört.

Elke Fackler spielte eine liebenswerte Geschichte von Tomte Tumetot. Jedem, der mit dem reizenden kleinen Hausgeist aufgewachsen war, ging das Herz auf. Lukas Schneider las sehr einfühlsam den Text dazu.

Sabine Roth und Rafael Scheu („Best Friends“) hatten eine Ge-schichte von Janosch „Bär und Vogel“ in eigener liebevoller Weise bearbeitet. In wunderschön gestalteten Bühnenbildern leben die Tiere ihren Sommer und Herbst und müssen im Winter erfahren, wie kalt die Menschen, selbst die Kirchen-besucher, sich von ihrer Not abwenden. Nur ein Kind hat das offene Herz, erbarmt sich, will den Bären wärmen und – er-wärmt damit das Herz der gestrengen Großmutter. So muss der Bär – nicht wie bei Janosch – sterben, und das hat alle sehr berührt.


Pinocchio lebt

Am Abend dann ein Ereignis: Brigitta und Martin Bosshard („Toggeburger Spiil-Lüüt“) bringen „Pinocchio reloaded“. Brigitta spielt den lebensgroßen Pinocchio, und da stimmt wirklich alles: Bewegungen, Stimme, Frechheit. Martin  i s t  Gepetto, im Äußeren wie im Spiel. Wenn er am Ende Pinoc-chio auf den Arm nimmt und nach Hause trägt, vergisst man die Marionette. Wenn er ihn auf den Schoß nimmt und ihm die neuen Schuhe anzieht, ist das ein Geschehen von Vater  und Kind. Freilich anstelle der bekannten üblen Streiche von Pinocchio gab es eher moralische Überlegungen (Respekt, Anstand, Dankbarkeit, Ehrlichkeit), und selbst der Fuchs trat nicht als Gauner auf, sondern als Weiser. Desungeachtet gab es am Ende nur Begeisterung und Applaus.


Zauberhafter Morgen

Der Sonntagmorgen lockte noch einmal viele Besucher in den Saal. Die erste Aufführung war „Das Silberklung“ von Edith Nikel („Marionettentheater Zaubervogel“). Silberklung? Nun, das ist ein Zauberwesen, das alles Ungute, Schwierige, Schlechte zum Guten wenden kann – könnte! Wenn nicht die böse Macht der Spinne Arssena die Silbertöne verstumme ließe. Eigentlich erkennt nur der Rabe Till, wie bedroht die Wiese ist. Rettung weiß er nicht. Aber es gibt sie! Durch un-schuldige Wesen, den kleinen Moritz , den kleinen Hasen Flauschi. Am Ende hören alle wieder die Silbertöne, die Spin-ne mit ihrer bösen Absicht ist erledigt. Ganz große Freude beim Raben Till und dem kleinen Vogel Piri. Das sind viele Figuren, viele Stimmen, und dafür gab es viel Applaus.

Danach führten Elisabeth Schnorr, Gilda Gold und Mirjam Inter-thal („Theater Löwenzahn“) die Geschichte vor „Wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen“. Ein wunderbares Kinder-stück! Wie der kleine Hase es fertig bringt, nicht gefressen zu werden. Wie er mit einem vielstrophigen Nachtlied den Fuchs selbst zum Einschlafen bringt. Und auf keinen Fall zulässt, dass die Eltern den Fuchs mit einem Nudelholz erschlagen, weil doch hier der Ort ist an dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Einfach schön!

Catherine Cunz („Cagibi“) trat wieder mit ihrer ganz besonders feinen  Spielweise in Erscheinung. „Harmonikas Klänge„ führ-ten einen Jüngling auf den Weg zu seiner verschwundenen Zwillingsschwester, die wiederum ein Ungeheuer verfolgte, das ihre Seelenblume geraubt hatte. Hier stimmt wirklich jede kleinste Bewegung. Wenn der Jüngling seine Mundharmonika spielt, während Catherine wirklich spielt, abgewandt, sie kann ihn nicht sehen, bewegt er sich absolut echt, zeigt mit kleinen Kopfbewegungen genau, wie er sein Instrument spielt. Gut, dass auch hier der Humor eine Nische findet: eine Kaffee-kanne  und eine Teekanne kommen deckelklappernd und wollen nicht auf dem Müll landen. Eine Geschichte mit viel zartem Zauber.


Krönender Abschluss...

Und dann das große Finale: „Der Sängerkrieg der Heide-hasen“.

Viele Mitspieler mussten sich immer wieder treffen, um dieses Gemeinschaftsstück auf die Bühne zu bringen. Es hat sich ge-lohnt! Es war ein Spiel von phantastischer Lebendigkeit, das mit enormem Engagement erarbeitet und ausgeführt wurde. Vor der Bühne die köstlichen Moritatensänger Brigitta und Martin Bosshard mit ihrer Drehorgel. Einen schöneren Ab-schluss für ein Festival kann man sich nicht vorstellen.


Mehr Überraschungen

A a a a a b e r – da waren ja noch die Taschenlampenführun-gen im Gewölbekeller. Die zu vergessen wäre schändlich. So viele kleine reizvolle Szenen unter dem Motto „Träume“ er-innerten die Menschen daran, dass es nicht nur eine digitale Welt und nicht nur das Diktat der Banken gibt.


Ja, eine Welt der Träume!

Damit beschenkte uns das MarionettenFestival von KunstForm Marionette 2018. 

 

Edith Nikel